Entwicklung

Essen gegen den Klimawandel – Nachhaltigkeit in der Ernährung

Wir essen sehr viel Fleisch – egal ob in Form von Steaks, Wurst oder in Form von Hackfleisch als Zutat in unzähligen Gerichten. Besonders in Deutschland ist der durchschnittliche Fleischkonsum sehr hoch. Es scheint also, außer für Wahlvegetarier, kaum denkbar, darauf zu verzichten.
Doch unsere Essgewohnheiten haben natürlich einen Effekt auf die Umwelt und somit auch auf das Klima. Doch wie groß ist der Anteil der Viehzucht für die Versorgung mit tierischen Produkten wirklich, gemessen an anderen Klimafaktoren? Was sind Möglichkeiten, um diesen Zustand realistisch zu verbessern?

Unsere Ernährung und der Effekt auf das Klima

Fleisch ist somit mit der größte Klima-Killer der Lebensmittelindustrie. Mit einer weltweiten Bevölkerung von etwa 7,7 Milliarden Menschen ist der aggregierte Nahrungsmittelbedarf riesig – weit größer, als er von Jägern und Sammlern auch nur annähernd gedeckt werden könnte.
Die Errungenschaften von Ackerbau und Viehzucht haben dieses Bevölkerungswachstum also erst möglich gemacht. Doch diese sind natürlich Ressourcenaufwändig – insbesondere der Wasserverbrauch ist enorm hoch.
Doch selbst bei den aufwendigeren Kulturen von Obst und Gemüse werden noch lange nicht die Zahlen erreicht, die in der Viehzucht alltäglich sind – Schlachtvieh, das etwa zwei bis drei Jahre heranwachsen muss, verbraucht enorme Mengen an Futter und Wasser.
Wenn man diese Rechnung vollständig herunterbricht erkennt man den Unterschied: Pro Kilogramm verbraucht Rindfleisch etwa 700% mehr Wasser, als die Gemüseherstellung. Kleinere Tiere wie etwa Geflügel benötigen für die Mast zwar weniger Ressourcen, sind aber dennoch deutlich aufwendiger als die meisten pflanzlichen Lebensmittel.
Regelmäßig kommen die Zustände in industriellen Schlachthöfen ins Gespräch, die weniger als optimal sind – ein Nebeneffekt der sehr hohen Nachfrage nach Fleischprodukten. Dieser ist mit traditionellen, sauberen und tierfreundlichen Betrieben kaum zu decken, zumindest nicht zu den Preisen, die erwartet werden.
Zusätzlich dazu wird häufig ein Problem angesprochen, das durch den Viehbestand an sich zu Stande kommt. Insbesondere Methan, das hauptsächlich bei der Verdauung von Wiederkäuern – also etwa bei Rindern und Schafen – entsteht, wird als klimakritisches Treibhausgas gesehen. Die Methan-Emissionen aus der Rinderzucht machen einen nicht unbedenklichen Teil der gesamten Emissionen aus.

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Mittel dagegen – nur eine umfassende Umstellung?

Es ist nicht wirklich denkbar, dass sich in naher Zukunft die Essgewohnheiten und somit die industriellen Umstände der Fleischindustrie so stark verändern werden, dass es nur dadurch eine spürbare Verbesserung der Klimaeffekte ergibt.
Doch das muss nicht bedeuten, dass es die einzige Chance für eine zeitnahe Umkehrung der negativen Effekte wäre, wenn nun alle plötzlich darauf verzichten würden. Die Wissenschaft und Industrie arbeiten fleißig an verschiedenen Lösungsmöglichkeiten, die zumindest ein zusätzlicher Faktor sein werden.
Das große Stichwort hierbei lautet: Fleischersatz. Zwar gibt es bereits verschiedene Möglichkeiten zu einer fleischlosen Ernährung, die teilweise mit Ersatzprodukten ergänzt wird – entweder, um das Erlebnis oder den Geschmack zu simulieren, oder um dem Körper das notwendige Eiweiß zu liefern. Der Klassiker darunter ist Tofu, doch mittlerweile sind auch Produkte aus Seitan hierzulande angekommen. Auch neuere, kreative Alternativen wie etwa Jackfruit, das sich ähnlich wie Pulled Pork zubereiten lässt, werden populärer.
Aber hier soll es nicht um Ersatzprodukte gehen, die erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn bereits eine bewusste Entscheidung zum Fleischverzicht getroffen wurde. Die Proteinlieferanten der Zukunft sollen vor allem eins leisten – von echtem Fleisch nicht unterscheidbar zu sein. Das weckt die Hoffnung, dass ein großer Teil des täglichen Fleischkonsums damit ersetzt werden könnte.

In-vitro-Fleisch

Jetzt wird es futuristisch, für manche vielleicht sogar etwas makaber: Eine Möglichkeit, die negativen Umwelteffekte aus der Nutztierindustrie für die Fleischproduktion zu verringern und in einer Utopie sogar vollständig zu ersetzen ist die Herstellung von Fleisch im Labor.
Natürlich denkt man an dieser Stelle zuerst einmal an Chemie und synthetische Produkte, die in den meisten Fällen ungesund und/oder von niedriger Qualität sind. Im Fall von Fleisch ist das jedoch nicht ganz das Gleiche – denn es handelt sich um „lab grown meat“, also gewachsenes Fleisch.
Dabei wird echtes Muskelgewebe sozusagen gezüchtet, indem man die Proben mit Hilfe von Stammzellen entsprechend manipuliert so dass sie sich vermehren – also im Prinzip nichts Anderes tun, als zu wachsen.
Der Vorteil daran: Es ist tatsächlich waschechtes Fleisch und nicht wirklich ein Ersatzprodukt. Für uns ist dies aktuell vielleicht nur schwer mit unseren Erfahrungen vereinbar, jedoch ist de facto kein Unterschied an der Zusammensetzung festzustellen. Dennoch ist noch abzuwarten, wie groß die Akzeptanz für „Fleisch aus der Retorte“ überhaupt sein kann.
Es dauert allerdings in jedem Fall noch einige Jahre, bis derartige Produkte marktreif sein werden. Aktuell ist die Herstellung noch sehr teuer, da die Forschung diesbezüglich noch in den Kinderschuhen steckt. Der erste essbare Burger, der mit Hackfleisch aus dem Reagenzglas hergestellt war, wurde erst im Jahr 2013 vorgestellt – als damals einzigartiges Vorstellungsprojekt der Wissenschaft, um den aktuellen Stand der Forschungen zu dokumentieren.
Wie schnell es zu einer theoretischen Marktreife kommen kann, ist bis heute schwer abschätzbar. Die Entwicklung steckt auf jeden Fall noch in den Kinderschuhen und es ist extrem aufwendig, um nur eine einzige Bulette zu formen.

Pflanzenbasierter Fleischersatz

Doch es gibt noch weitere vielversprechende Möglichkeiten. Ein Produkt, das sowohl einen kleineren Gewöhnungsfaktor, weniger ethische Problemstellungen und eine weiter fortgeschrittene Marktreife vorweisen kann, sind pflanzliche Fleischersatzprodukte.
Wer kennt sie nicht, Ersatzprodukte aus Gemüse oder Soja, die beispielsweise auf vegetarischen oder veganen Burgern landen. Doch wer in den letzten Jahren als Fleischesser einen Veggy-Burger verkostet hat wird aller Wahrscheinlichkeit nach bestätigen: Als wirklichen Ersatz kann man diese Produkte nicht sehen.
Aus den USA kommen mehrere Produkte aus dieser Kategorie, die aktuell dieses Marktsegment im Sturm erobern. Sie bestehen aus pflanzlichen Proteinen wie beispielsweise Erbsen- oder Sojaprotein und sind mit zusätzlichen Zutaten so abgestimmt, dass sie in Geschmack, Struktur und insbesondere den Eigenschaften beim Braten möglichst nah an Rinderhackfleisch herankommen.

Das selbst verkündete Ziel von Impossible Foods, den Herstellern eines Sojaprotein-basierten Fleischersatzes, ist bis zum Jahr 2035 die Notwendigkeit für tierische Produkte für die Lebensmittelherstellung vollständig zu eliminieren.
Ob diese Prognose realistisch ist, nun, daran lässt sich natürlich zweifeln. Dafür sind tierische Produkte und viele Gerichte, die daraus bestehen, zu tief in unserer Kultur verankert – und auch einfach zu lecker, um vollständig darauf zu verzichten.
Dass diese Produktgruppe ein großes Potential hat, zeigt auch der Markteintritt des Industrieriesen Nestlé. Dieser hat kürzlich den so genannten „Incredible Burger“ auf den Markt gebracht, der beispielsweise bereits in den veganen Burgern von McDonalds erhältlich ist.
Das Interesse von Industrievertretern, die lediglich das liefern, was der Markt verlangt, wurde also bereits geweckt – und die Entwicklung derartiger Produkte steht erst am Anfang.

Bezahlbarer, gesunder Fleischersatz kann zusätzliche Effekte haben

Die großen Mengen an Fleisch, die überall auf der Welt konsumiert werden, kommen nicht nur mit einem Preis für die Umwelt und das Klima daher. Auch uns Fleischesser beeinflusst dies direkt – für eine wirtschaftliche Viehzucht mit Massentierhaltung werden große Mengen an Antibiotika und anderen Medikamenten verwendet.
Durch diese breite Nutzung besteht die Gefahr, dass Bakterien und Keime immer öfter Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln. Da die gleichen Medikamente auch für uns Menschen zum Einsatz kommen, wird befürchtet, dass eine Infektion mit resistenten Erregern nicht behandelbar und somit hoch gefährlich wäre.
Ein häufig wiederholter Satz, wenn es um die Nachhaltigkeit unseres Fleischkonsums geht: Jeder sollte seine Ernährung nur ein wenig umstellen, so dass Fleisch anstatt einem täglichen Konsumgut zu einer Delikatesse für besondere Gelegenheiten wird. Das alleine würde im Großen und Ganzen bereits die Abhängigkeit von der Fleischindustrie spürbar verringern.
Mit populär akzeptierten Ersatzprodukten würde dieses Ziel tatsächlich in Erreichbarkeit rücken – nach einer gewissen Zeit der Umgewöhnungsphase natürlich. Dann müsste Fleisch natürlich nicht vollständig verschwinden – das wollen wir auch gar nicht, denn es ist sowohl ein wertvoller Proteinlieferant, als auch eine absolut leckere Gaumenfreude.
Ein bewussterer Umgang wäre aber realistisch, so dass der Gesamtbedarf so weit verringert wird, dass mit einer nachhaltigeren Herstellung eine spürbare Verbesserung der Ökobilanz erreichbar ist.

Photo by OLA Mishchenko on Unsplash

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